Verschlossene Türen am falschen Ende des Zuges

Nachts nach 10 Uhr am Bahnhof. Langsam sammeln sich die Mitspieler, die sich auf eine ganz besondere Mission begeben. Sie kennen sich nicht. Sie wissen nicht, dass sie sich gemeinsam auf dieses Abenteuer einlassen. Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er es tut. Ich werde die Gründe der Anderen nie erfahren. Überhaupt wird sich niemand von den Leuten, die sich da nachts nach 10 Uhr am Bahnhof treffen in dieser Nacht kennenlernen – Im Nachtzug nach Wien.

Auch ich habe mich also dort am Gleis versammelt. Mit dem Buchen meines Fluges habe ich so lang gewartet, bis das Ticket teurer war als die Reservierung im Nachtzug. So konnte ich es guten Gewissens buchen und die entspannte Reise im Schlaf dem verspannten Horror im Flugzeug vorziehen. Ich hatte die Messe zum Ziel. Es galt die Österreicher mal wieder unsere Existenz ins Gedächtnis zurückzurufen.

Neben mir war da noch der korpulente ältere Herr mit breitkrempigen schwarzen Hut in dunkler Trachtenjacke und Anzugshose. Er hatte noch kein Ticket, wie ich später durch Zufall hörte. Außerdem waren da noch 2 dubiose Herren – einer älter als der Andere. Während der ältere geduldig wartete hielt sich der Andere der Kälte warm, indem der die Rolltreppe hinauf fuhr, um gleich danach die Treppe wieder herunterzulaufen. Dann war da noch das junge Mädchen. Sie war normal gekleidet, hatte normales Gepäck und verhielt sich unauffällig normal. Aber sie fuhr nicht mit.

Vor dem Zug kam noch ein Bettler. Freundlich bat er uns alle, für ein paar Geldstücke eine Zeitung aus seinem reichhaltigen Angebot von 3 Exemplaren einundderselben Zeitung zu kaufen. Bestimmt hätte sich der eine oder die andere von uns dazu erweichen lassen, hätte er nicht mit einem übertrieben theatralischen „Warum auch?!? Ihr seid ja bloß fein gekleidet und reist fein.“ eine jede Absage kommentiert. Vermutlich ging es den anderen so wie mir und auch sie wollten dieses Schauspiel aus nächster Nähe sehen können.

Dann kam der Zug. Ich hatte mich vorhergenau informiert, wo mein Wagon stehen würde. Trotzdem sicherte ich mich bei einem der Schaffner ab, dass ich nicht in den falschen Wagon steige. Der Herr mit dem breitkrempigen Hut erklärte gerade einem anderen Schaffner, dass er jetzt noch ein Ticket benötigt. Ich fragte also dessen Kollegen, wo sich denn mein Wagen befände. Zu meiner Überraschung war dieser am anderen Ende des Zuges. Die geplante Abfahrtzeit lies kein längeres Nachdenken mehr zu. Ich nahm also die Beine in die Hand und rannte zum anderen Ende des Zuges. Dort war in der Tat ein Liegewagen hinter all den Wagen, die lediglich normale Abteile für den geneigten Studenten ohne echten Schlafbedarf enthielten. Einzig ein Problem überrannte mich: Die Türen gingen nicht auf. Ich wurde panisch. Der Schaffner pfiff. Ein Lokführer schlenderte gemächlich auf mich zu. Ich rief ihn, schrie ihn an. „Hallo!!! Wie komme ich hier rein???“ – Einige Versuche und schrecklich lange Sekunden später folgte eine Reaktion: „Des is zugespeert“ … „Steigen Sie hier ein“ ermutigte mich einer dieser schlaflosen Studenten und verhinderte schlimmeres indem er mir die sich automatisch zu schließen versuchende Tür aufhielt.

‚Des is zugespeert‘ ging mir durch den Kopf. Liegt die österreichische Landesgrenze im Falle des Nachtzuges am Gleis 4 des Bahnhofes von Hannover? Begleitet von den helfenden Hinweisen „Des is goanz da hiinten“ oder  „Da müssen se noch waider geeh’n“ des uniformierten Personals erreichten mein Gepäck und ich final den letzten Wagen des Zuges. Den Wagen, vor dem ich eben schon einmal stand nur um dann eiligst in eine andere Richtung zu rennen. Den Verantwortlichen dafür fand ich übrigens nicht wieder. Der für meinen Wagon zuständige Schaffner versprach mir aber, diesem Kollegen eine freundliche Kopfnuss von mir zu geben.

An dieser Stelle beende ich meinen Bericht ohne weitere Poente. Vielleicht schreibe ich später noch ein paar Sätze über Wien, die Messe  mit einem laufenden Würfel, ein Abendessen mit einem überzeugten Konzernjünger und 5cm Neuschnee. Aber nicht jetzt …

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